Über Steinzeitfrauen und Dialektik – „Die Croods“ sind besser als ihre Werbung

Ich gehe gern ins Kino, und ich stelle nicht immer die größten Ansprüche an die Filme die ich sehe. Manchmal reicht mir, dass sie lustig wirken oder gut animiert aussehen. Es nervt mich allerdings, wenn ich im Trailer schon denke: Wie sexistisch ist das denn?!

So ging es mir beim Trailer und bei der Plakatwerbung für „Die Croods“, diesem Animationsfilm über eine Steinzeitmenschen-Familie. Warum muss das Steinzeitmädchen jetzt unbedingt ein Minikleid tragen, obwohl das wirklich das denkbar unpraktischste Kleidungsstück für steinzeitliches Rumgespringe ist? Dann allerdings habe ich Freikarten fürs Kino bekommen, und die Auswahl war schlecht, und der Film sah gut animiert aus… Also was soll’s – und ich kann mit einer nicht unerheblichen Menge Selbstironie sagen: Ich habe mich gründlich getäuscht.

Grug Crood, steinzeitlicher Familienvater, hat ein Lebensprinzip: Hab nie keine Angst vor irgendwas. Neues ist immer schlecht, bei Dunkelheit geht’s ab in die Höhle und da sollte man solange bleiben, bis alles Neue alt geworden ist. Die junge Eep Crood sieht das grundsätzlich anders und klettert schonmal eine Steilwand hoch, um die letzten Sonnenstrahlen abzugreifen. Bei einem unerlaubten nächtlichen Ausflug trifft sie Guy, einen moderneren Menschen, der sich lieber mit Ideen, Geschick und Werkzeugen sowie Feuer durchschlägt, als mit viel Muskelmasse (die er ohnehin nicht hat). Guy informiert Eep und Eep ihre Familie darüber, dass die Welt, wie sie sie kennen, untergeht, alles anders wird und sie sofort wegmüssen um nicht von der Kontinentalplattenverschiebung verschluckt zu werden. Nach einigem Hin und Her, bei dem die vertraute Höhle verschüttet wird, müssen die Croods also fliehen. Sie meistern Gefahren, lernen das Konzept von Haustier kennen (Tiere, die man nicht isst) und viele andere neue Dinge.

Und daneben, dass die Animation erwartungsgemäß großartig ist und viele gute Lustigkeiten vorkommen, sind mir zwei Sachen äußerst positiv aufgefallen:

Das Frauenbild – Es gibt vier weibliche (Eep, das Baby, Mutter Ugga und Oma Gran) und drei männliche Charaktere im Film (Grug, Guy, Sohn Thunk). Die Familie jagt gemeinsam, alle Frauen sind aktiv, körperlich stark und familienpolitisch durchsetzungsstark und relevant. Zwar entscheidet Grug oberflächlich, was passiert (vor Allem über die „Gesamtfamilie“, und eigentlich gar nicht über Ugga), aber zu verschiedenen Zeitpunkten wird deutlich, dass er keine wirkliche Macht über die anderen Familienmitglieder ausübt und letztlich alle machen, was sie wollen.Eep ist mutig, gemessen an der Familie klug und nach außen gewandt: Sie will raus in die Welt, dorthin wo das Licht ist. Zwar gibt es die obligatorische Liebesgeschichte zwischen ihr und Guy, aber die steht nicht im Zentrum von Eeps Interessen und Entscheidungen. Eep ist außerdem schnell, muskulös, stark, geschickt und damit eine gute Jägerin, spielt also eine ökonomisch wichtige Rolle für die Familie. Sie ist begeisterungsfähig und interessiert an dem „was da draußen ist“. Damit hat sie vielen weiblichen Charakteren eine Menge voraus. Mutter Ugga und Oma Gran stehen weniger im Zentrum der Geschichte, aber sie haben Namen, sie unterhalten sich miteinander und der Familie und nicht nur über Männer (yippie, Bechdel-Test bestanden!), sie sind ebenfalls klug, stark und durchsetzungsfähig. Besonders fällt der (fehlende) Kontrast zu den männlichen Rollen auf: Grug ist zwar ein typischer väterlicher Filmcharakter – stur, wohlwollend, begriffsstutzig, besserwisserisch. Aber Guy und Bruder Thunk sind grundsätzlich anders. Guy ist wohl am ehesten als Geek zu bezeichnen – klein, schmächtig, vorwiegend dank seiner Ideen und seiner „modernen“ Denkweise überlebensfähig. Thunk ist ängstlich, rundlich, ungeschickt und derjenige, der die väterliche Angstpropaganda am meisten geschluckt hat. In dem Zusammenhang entstehen dreidimensionale männliche und weibliche Charaktere, die sich gemeinsam und in Abgrenzung voneinander entwickeln können, ohne dass die Abarbeitung nur in eine Richtung funktioniert – was ganz oft bei Frauencharakteren der Fall ist, die nur dafür da sind, die Veränderung beim Mann zu katalysieren oder anzustoßen.Warum muss Eep trotzdem unpraktische und sexualisierte Klamotten tragen, und warum haben die Frauen im Film im Gegensatz zu den Männern keine Körperbehaarung? Oder vielleicht andersrum gefragt: Wäre es besser gewesen, Eep anders, weniger sexualisiert/klischee-weiblich darzustellen? Ich glaube nicht, weil sie dann Gefahr gelaufen wäre, in ein anderes Klischee zu rutschen, nämlich eine männliche Frau zu sein, was dem Rollenbild sogar geschadet hätte. So hat man einen „so können Mädchen/Frauen sein!“-Effekt, und sonst hätte man wahrscheinlich einen „manche Mädchen/Frauen sind gar keine richtigen Mädchen/Frauen“-Effekt bekommen. Durch die betonte (aber nicht durchs Verhalten unterstrichene) Hübschscheit wird Eeps Weiblichkeit weniger in Frage gestellt, als durch ihren Charakter wahrscheinlich wäre.

Das zweite was mir aufgefallen ist – Es gibt keinen „Retter“, der kommt und das Problem einfach wegzaubert („Avatar“), keine „Superheld*innen“ (Dreamworks‘ „Hüter des Lichts“), keinen „Prinzen“ („Shrek“). Zwar taucht Guy auf und erklärt das Problem, aber außer der Idee, auf einen Berg zu klettern, hat er keine Lösungs- oder Rettungsmöglichkeiten, und keine Führungsqualitäten, die ihn zum Problemlöser werden lassen. Was es aber gibt, ist eine Gruppe von Menschen, die sich organisiert, um gemeinsam ein Problem zu lösen und die sich verändern muss, um bestehen zu bleiben. Was für eine schöne (und meinerseits unerwartete) dialektische Dimension! Erst in der Veränderung liegt das Fortbestehen, und erst in der Organisation liegt die individuelle Freiheit und die Weiterentwicklung der Menschheit. Ist das ein Abgesang auf die muskelbepackten Bruce Willises und Terminatoren, die Kraft ihrer körperlichen Überlegenheit wichtig sein sollen? Und auch als Absage an die Frodos und Harrys, die in letzter Konsequenz allein und wegen besonderer Verbundenheit zum Kern des Problems (Ring, Voldemort) sich dem Bösen, Schlechten, Gefährlichen stellen müssen und dann christlich erlöst werden?Die Croods sind gemeinsam, demokratisch und offen für Neues stärker als unter dem Patriarchat und der Angst vor dem Neuen, Unversuchten. Ein viel schöneres Menschenbild als sonst so oft propagiert! Also mich hats geflasht. (Und die große Katze ist auch super.)