Roller Derby

Roller Derby: Vollkontaktsport auf Rollschuhen

Bist du auf der Suche nach einem rasanten, unspießigen Frauensport, für den man, äh frau, Power und Köpfchen braucht und wie früher mit 12 endlich wieder auf Rollschuhen stehen darf? Dann unbedingt weiterlesen, eine Roller Derby Gruppe vor Ort suchen, mitmachen und abhängig werden.

Roller Derby
Roller Derby

 

Einen Bekannten, der für den alternativen Kasseler Sportverein Dynamo Windrad als Redakteur tätig war, habe ich mit meiner Euphorie angesteckt. Er bekam von uns Equipment und startete bei einem Training der Bashlorettes einen Selbstversuch. Vielen Dank CV für die freundliche Erlaubnis zur Zweitverwertung deines Berichts.

 
 

In den 30er Jahren gegründet, in den 90ern wiederentdeckt

Als mir eine Bekannte mit leuchtenden Augen von ihrem neuen Sport „Roller Derby“ erzählte, war sofort klar, dass ich das für unsere beliebte Rubrik Abseitige Sportart unbedingt mal ausprobieren muss – auch wenn ich keinen blassen Schimmer hatte, was Roller Derby ist.

Ein kurzer Blick bei Wikipedia ergibt folgendes Bild: Ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen. In den 30er Jahren als Ausdauersport gegründet, in den 40ern regeltechnisch überholt. Dann lange populär als Catchen auf Rollen (mit ähnlich abgesprochenen Matches wie beim Wrestling), Neugründung in den USA als Amateursport Ende der 90er Jahre von Frauen, die tendenziell aus der Punkszene kamen. Auch heute noch wird der Sport hauptsächlich von Frauen betrieben.

 

Roller Derby
Die Jammerin kämpft sich durch das Pack

Von blauen Flecken und Mundschutz

Meine Anfrage beim Kasseler Team wird quasi professionell von einer Pressesprecherin beantwortet: Marie, alias „Martha Pfahl“ würde sich melden wegen Details (Ausrüstung und Terminvorschläge). Und so geschah es, dass mir zugesichert wurde, ich würde Ausrüstung von ihrem Mann bekommen, der bei Kassel Roller Derby als Schiedsrichter fungiert, allerdings bräuchte ich einen Mundschutz. Kein Problem, den hatte ich noch von einem Rugby-Selbstversuch. Zwei Tage vor meiner Teilnahme noch eine kleine Erinnerungsmail: „Wir haben einiges mit dir vor Sonntag, also vergiss deinen Mundschutz nicht.“ Nun habe ich endgültig Angst, aber das gehört nun mal zu so einer Rubrik dazu. Es wird auch nicht besser als ich in die Halle komme und eine Spielerin mit einem enormen blauen Fleck auf dem Oberarm sehe, dazu eine auf Krücken. Die Trainerin begrüßte mich freundlich, aber auch mit einem breiten Grinsen, ob ich tatsächlich alles mitmachen wolle. Ja, will ich, wenn schon, denn schon.

Wie es mit Rollschuhfahren bzw. Inline skaten aussähe? „10 Jahre her, aber damals war es o.k.“. Skifahren? „Ja.“ Sehr gut, Martha Pfahl komme gleich. Zwei Männer sind auch da, allerdings werden sie mir als „Zebras“ vorgestellt, das heißt, sie sind Schiris, trainieren aber normal mit.

 

Haftungsausschluss mit ausführlichen Fairplayklauseln

Und wieder diese erstaunliche Organisation für ein Freizeitteam: Martha Pfahl ist abgestellt, mich erstmal eine halbe Stunde beiseite zu nehmen, mir Regeln zu erklären und technische Einzelheiten. Zunächst mal muss ich aber eine Unterschrift leisten und mir wird noch mulmiger, dass ich anscheinend einen Haftungsausschluss unterschreiben muss, bevor ich aufs Feld gehen darf, aber der Schrieb enthält auch ausführliche Fairplayklauseln, was mir ganz gut gefällt. Dann darf ich endlich die Ausrüstung anziehen: Rollschuhe, Knie-, Handgelenk- und Ellbogenschützer. Dazu einen Helm. Mundschutz rein und los geht´s. Die ersten Minuten auf Rollschuhen sind noch ziemlich wacklig, aber mit zunehmender Zeit werde ich etwas sicherer. Dann gemeinsames Stretchen: Alle stehen im Kreis und jede Spielerin leitet eine Übung an. Dann macht sich das Team auf Rollen warm und ich bekomme Regelkunde von Martha.

 

Die Jammerinnen, gekennzeichnet durch einen Stern auf der Helmhaube, kurz vor Jamstart
Die Jammerinnen, gekennzeichnet durch einen Stern auf der Helmhaube, kurz vor Jamstart

Das Spielprinzip

Bei Rollerderby spielen zwei Teams auf einer ovalen Bahn gegeneinander, bestehend aus jeweils vier Spielerinnen, die zusammen das „Pack“ bilden und jeweils eine Spielerin (Jammer), die versucht, Punkte durch überholen von Gegnerinnen zu machen. Die jeweils vier im Pack versuchen, die eigene Jammerin zu schützen und gleichzeitig die gegnerische Jammerin zu blocken und am Überholen zu hindern. Es ist u.a. verboten, den Kopf und die Kehle zu attackieren, die Ellbogen einzusetzen, andere festzuhalten, zu schlagen und zu treten. Körpereinsatz ja, aber ohne gefährliche Moves sozusagen.

Während mir das erklärt wird, rollen wir um die Bahn herum und ich muss verschiedene Fortbewegungstechniken ausprobieren  – und immer schön Kopf hoch und runter mit dem Hintern („das verstehst du als Mann jetzt vielleicht nicht, aber eigentlich genau so, wie du über einem öffentlichen Klo pinkeln würdest“). Dazu diverse Bremstechniken: Auf einem Knie abbremsen (geht), auf beide Knie runtergehen – beides ohne sich auf den Händen abzustützen – (nicht so einfach). Auf einem Knie mit 180 Grad Drehung, mit einem Fuß quergestellt (keine Chance) und eine Technik, die ähnlich wie Schneepflug beim Skifahren funktioniert und die nach einer Weile leidlich klappt. Dazu immer wieder Erklärungen von Martha über die Geschichte von Rollerderby, dass in den USA alle Kampfnamen und sogar Kostüme hatten, inzwischen es aber auch eine Fraktion gibt, die das Ganze leistungsmäßiger und offizieller betreiben will (Olympische Disziplin).

Dass die Gruppe vor fast eineinhalb Jahren auf einem Supermarktparkplatz angefangen hat. Ligateilnahme ist geplant, aber erst müssen genug Spielerinnen die Zulassungsprüfung in Theorie und Praxis ablegen. Die Absicht von reden und fahren ist klar: Nicht lange drüber nachdenken, sondern Bewegungen automatisieren. Irgendwann klappt es ganz gut und ich darf bei den anderen mitmachen.

 

Roller Derby
Die Blockerinnen versuchen die gegnerische Jammerin aufzuhalten

„Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ So ergeht es jetzt auch mir

Und wie Sartre schon über Fußball sagte: „Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ So ergeht es jetzt auch mir: Kaum habe ich mit anderen Spielerinnen zu tun, vergesse ich sofort die eben erlernten Bewegungen und falle immer wieder hin. Nun diverse Übungen zum Thema blocken und überholen: zwei fahren hintereinander her, man versucht sich breit zu machen, die Gegnerin abzubremsen und zu verhindern, dass sie an einem vorbeikommt – und umgekehrt.

Dann zwei gegen eins: Zwei eines Teams versuchen, eine Gegnerin an der Außenlinie festzuklemmen und über die Markierung zu schieben. Danach „Befreiung“ durch eine Spielerin, die versucht, die eingekeilte Mitspielerin zu befreien. Ich werde mehrfach durch die Trainerin  – aka Donna Wetter -gerettet, andersrum wird mir vorgeworfen, dass ich meine Ellbogen einsetze.

Dann noch als Highlight für mich (wieder dieses diabolische Grinsen der Trainerin): In einer Gasse fährt man im Zickzack von rechts nach links und versucht, die Spielerinnen über die Auslinie zu schubsen (mit der Hüfte, mit der Schulter, die aber nicht „spitz“ sein darf, mit der kompletten Seite). Ich merke, dass einige sich freuen, mir jetzt mal einen mitzugeben, aber ich freu mich andersrum genauso. Ich fliege kaum hin, auch wenn es einige harte Checks gibt (Katjuscha Rockit scheint mir die härteste Checkerin zu sein, obwohl sie einen guten Kopf kleiner ist und weit weniger als ich wiegt) und ich muss mich immer wieder für meine „spitze Schulter“ entschuldigen – aber was ein Spaß. Zum Abschluss soll es dann noch eine Konditionseinheit geben, aber meine Beine machen nicht mehr mit.

 

Völlig fertig, aber gekickt verlasse ich die Bahn.

Und bevor es zur Verabschiedung geht, gibt es noch eine Abschlussrunde: Alle sagen, wie sie das Training heute fanden, aber nur positive Aussagen. Man stelle sich das mal beim Dynamo-Fußballtraining vor (warum eigentlich nicht?!). Mir wird prophezeit, dass ich anderntags schlimmen Muskelkater haben und Treppe laufen schwierig würde. Was insofern nicht stimmt, als dass ich schon beim Nachhausekommen schlimmen Muskelkater habe und Treppe hoch schwierig ist.

 

Fazit: Äußerst empfehlenswert

Ich werde sehr herzlich verabschiedet und eingeladen wiederzukommen (Zebras werden immer gebraucht). Was soll ich sagen: Schiri ist nichts für mich, aber wäre ich weiblich, würde ich sofort bei Kassel Roller Derby mitmachen: Ausgesprochen nettes Team, spannende Sportart, wo sich Aggression und Teamgeist gleichermaßen ausleben lassen. An alle potentiellen Zebras, Ladies and Riotgirls Kassels: einfach mal ausprobieren, ist ein Knüller

 

CV

 

Wer mehr wissen will oder mal selbst ausprobieren möchte: Hier klicken kasselrollerderby

Und wer nicht aus Kassel kommt hier: Roller Derby Germany