Occupy Barbie-Dreamhouse und dessen Kritik – ein Dialog

von René, Mitglied der SAV und aktiv gegen Sexismus

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Im Rahmen der geplanten Eröffnung von „Barbie, The Dreamhouse Experience“, einer 2500m² großen Wanderausstellung mit Auftakt in Berlin, und dem geplanten Protest dagegen, gab es bereits einiges an Berichterstattung in verschiedenen Medien (z.B. Tagesspiegel, Spiegel Magazin, junge Welt). Eine Reaktion darauf war eine Fülle an Kommentaren zu diesen Artikeln. Die Bandbreite reichte von Unterstützung über solidarischer und inhaltlicher Kritik bis hin zu groben Beleidigungen und Totalitarismus-Vorwürfen, die selbst nicht davor zurückschreckten, die OrganisatorInnen von „Occupy Barbie-House“ als rotgetünchte Faschist*innen zu bezeichnen, die ihre Maske ablegen sollten, um Hakenkreuzbinde und SS-Uniform anzulegen. Auf den ersten Blick schockierend, sind diese Vorwürfe weder neu, noch besonders originell. Wenn kritische Stimmen laut wurden, wurden seit jeher jene Stimmen laut, die am geringsten für Kritik empfänglich waren und schnell die Faschismuskeule (heute vermehrt Extremismus- und Totalitarismuskeule) schwangen, damit ihre eigene Haltung nicht hinterfragt würde.
Besonders in Hinsicht auf Themen, die Ungleichstellung der Geschlechter oder Frauen betreffen, wird schnell Kritik jeder Färbung laut. So musste die Organisatorin von „I fucking love science“, einer wissenschaftlichen Seite auf Facebook, die sich unter Männern der Wissenschaft größter Beliebtheit erfreut, einen Sturm von unflätigen Beleidigungen, derben Anmachen und Verunglimpfung hinnehmen. Interessierte können dies in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ nachlesen.
Die interessantere Frage hierbei ist wohl die nach dem „Warum?“ Warum gibt es einen derartigen Sturm der Entrüstung? Warum fühlen sich Leute genötigt, derartig heftig zu reagieren?
Die persönlichen Beweggründe mögen da sehr verschieden sein und es steht niemanden zu, aus der Ferne Mutmaßungen anzustellen, die mit Sicherheit daneben schießen werden und keine Grundlage für eine sachliche Diskussion sind.
Anders hingegen kann versucht werden, gesellschaftliche Ursachen herauszuarbeiten.
Die Situation: Deutschland ist ein freies Land, in dem viele Menschen materiell wesentlich besser gestellt sind als der Rest der Welt, alle können hier in Frieden leben und haben alle nur wünschenswerten Freiheiten. In Fragen frauenpolitischer Natur steht Deutschland ganz vorn: Schule, Uni, alle Berufe stehen Frauen gleichermaßen offen wie Männern, Frauen dürfen zum Arzt, ohne den Mann zu fragen, haben ihr eigenes Einkommen, können selbst über ihre Arbeit entscheiden. Wir haben eine Kanzlerin und Familienministerin Schröder schreibt „Danke, emanzipiert sind wir selber.“ Alice Schwarzer sagt, alle Fragen der Geschlechtergleichstellung wären rechtlich gelöst, jetzt müsse man nur wollen, wir sollten uns den unterentwickelten Ländern zuwenden. Tatsächlich ist es eine Stimmung, die Zufriedenheit mit der Situation ausdrückt und Frau müsse jetzt „nur noch wollen“ und schon ginge alles steil – Karriere, Familie, Mann, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung. Dies auf der einen Seite. Warum also die Entrüstung, wenn jegliche Kritik ungerechtfertigt ist?
Möglicherweise, weil es Tatsachen gibt, die dagegen sprechen und die öffentliche Darstellung brüchig werden lassen. Frauen verdienen im Lebensdurchschnitt 24% weniger als Männer in Deutschland. Nicht nur, weil sie für die exakt gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn bekommen würden, sondern weil sie nicht die gleiche Arbeit machen. Sie werden seltener befördert, bekommen schlechtere Jobs (Teilzeit, Pauschalanstellungen), bekommen als Alleinerziehende möglicherweise gar keinen Job, da sie die entsprechende Flexibilität nicht mitbringen. Durch die Pause, die durch das Elterngeld entsteht, bei dem die Frau meist zuhause bleibt (der Mann verdient mehr, die Einkommenseinbuße ist geringer), weist die Frau weniger Berufserfahrung auf, ist aus der Praxis raus. Also: wieder weniger Lohn, wieder keine Führungsposition und das Kind ist dann noch lange nicht versorgt, da der Großteil der Hausarbeit unbezahlt von der Frau geleistet wird. Die verdiente Altersruhe wird dann in zunehmender Altersarmut verbracht. Laut einer Studie des DIW besitzen Frauen in einer langjährigen Partnerschaft mit einem Mann 33.000 € weniger (Focus vom 10.02.2013). Häusliche Gewalt, die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger und das Abwälzen der sozialen Verantwortung auf Frauen bei Frust und Arbeitslosigkeit in der Krise mögen der Sonnenscheindarstellung in der Öffentlichkeit weiterhin widersprechen. Aber dies nur als Annahme.

Im Folgenden soll in Form eines ausgedachten Gesprächs auf einige Kritikpunkte eingegangen werden, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

A: Jedes Kind soll doch spielen können, mit was es will. Wenn ein Mädchen mit einer Barbie spielen will, dann ist es ihre Entscheidung allein. Niemand soll ihr vorschreiben, mit was sie zu spielen hat und mit was nicht. Mit einer solchen Aktion wollt ihr schon Kindern vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben und sie in ein einheitliches Weltbild zwingen, das ihr für richtig haltet.

B: In einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ von 22.3.2013 sagte Franziska Sedlak, dass „Wir […] nichts gegen Kinder haben, die mit Barbies spielen.“ […] „Wir kritisieren aber die starke Rollenverteilung schon im Kindesalter und fordern eine Gleichberechtigung von Mann und Frau.“
Dem kann ich mich nur anschließen. In den letzten Jahren gab es eine immer stärkere Fixierung auf das Rollenbild des Jungen und des Mädchens. Lego Friends ist eine rosa Serie, mit der Lego versucht, die sinkenden Einnahmen durch das Erschließen des Marktes für Mädchen zu retten. Der Werbeetat betrug bei der Einführung der 23 Produkte, bei denen es vor allem um Kleidung, Familie und Lifestyle geht etwa 40 Millionen Dollar von 400 Millionen jährlichem Budget für Werbung. Ferrero hat in Deutschland die Einführung eines rosa Überraschungs-Eis vorangetrieben. Ferrero nimmt jährlich über 300 Millionen Euro in die Hand, um seine Produkte zu bewerben. Der Barbiehersteller Mattel nimmt weltweit im letzten Jahr über 750 Millionen Dollar in die Hand, um seine Marktanteile auszuweiten. Dem gegenüber steht eine kleine Gruppe von Berliner Aktiven, die mit einem Budget von 50 Euro plus Kleinstspenden eine Facebook-Gruppe gründen und mit selbstgestalteten Texten und Flugblättern zu einer Protestaktion aufrufen. Im Vergleich zu den Multinationalen Konzern dürfte leicht ersichtlich sein, wer über die Mittel und die gesellschaftliche Wirkungskraft verfügt, um zu beeinflussen, was Kinder möchten und wie sehr sie es möchten. Gegen diese Art der alles andere als individuellen Willensbildung richtet sich sich die Aktion.

A: Ja, aber mal ehrlich – ist das nicht alles nur ein Wohlstandsproblem? Warum regt ihr euch über eine rosa Puppe auf, wo es doch wirkliche Probleme in dieser Welt gibt. Es gibt genug Hunger, Krieg, Armut und Elend in der, gerade in Krisenzeiten. Im Sudan werden Frauen zu Tode gesteinigt und im Iran werden sie von Basiji auf Motorrädern ermordert, wenn ihr Kopftuch nicht richtig sitzt. Nehmt Ihr das Barbiehaus und Eure Probleme nicht ein wenig zu ernst?

B: Ich glaube, niemand von uns würde behaupten, dass es keine anderen Probleme gibt und vor allem nicht, dass es an anderen Orten auf der Welt noch viel schlechtere Lebensbedingungen für Frauen gibt. Und Barbie ist für uns auch nicht das Problem, sondern nur Ausdruck eines Rollenbildes, das dem zu Grunde liegt und dadurch reproduziert wird. Wenn Frauen 24% weniger Lohn im Lebensdurchschnitt beziehen, hat das Auswirkungen auf alle Beschäftigten, auch die männlichen. Es gibt einen Druck auf die Löhne nach unten, wenn die gleiche Art der Arbeit für weniger Lohn verrichtet wird, nicht andersherum. Frauen werden nicht nur schlechter bezahlt, sie werden unfreiwillig als Lohnkonkurrentinnen eingesetzt. Ein schlechterer Arbeitsvertrag, weniger Lohn und kürzere Kündigungszeiten machen es durchaus naheliegender, in Zeiten sinkender Gewinne Teile der teureren Stammangestellten loszuwerden und den Betrieb durch günstigere Arbeitskräfte aufrecht zu erhalten. Wenn der Ton vorherrscht, dass Männer denken und konstruieren, während Frauen fühlen, umsorgen und gut aussehen, wie es bei Barbie, Prinzessin Lillefee und Lego Friends der Fall ist, ist das für mich die ideologische Begleitmusik zur schlechteren ökonomischen Stellung. Eine Frau, die dem Mann geistig und körperlich nicht ebenbürtig ist, hat kein Recht auf gleiche Bezahlung oder bessere Anstellung, Um das Essen auf den Tisch zu stellen, den Nachwuchs (zukünftige Arbeitskräfte!) aufzuziehen ist sie dennoch gut genug, aber bitte nur unbezahlt, da das nicht als produktive Arbeit angesehen wird. Das soll keine Argumentation für eine Herdprämie sein, sondern eine Situationsbeschreibung. Daher sind die damit verbundenen Probleme für viele Frauen in Deutschland durchaus real und sehr ernst. Und nicht nur für diese.
Nichtsdestotrotz sehen wir uns mit einer weltweiten Bewegung solidarisch verbunden, die sich gegen Gewalt und Schlechterstellung der Frau zur Wehr setzt. Sei es die „Rape is no joke“-Kamagne in Großbritannien (Vergewaltigung ist kein Scherz, Kampagne gegen Witze über Vergewaltigung und Vergewaltigungsopfer), die Massenproteste gegen die Gruppenvergewaltigungen von Frauen in Indien oder der Kampf der Frauen in der arabischen Revolution. Darüber hinaus sind die meisten von uns weitergehend aktiv – gegen Nazis, gegen die Krisenauswirkungen und die Krisenpolitik der europäischen Regierungen bis hin zum Kampf für eine alternative Gesellschaft zum Kapitalismus. Meiner Meinung nach ist dieser die Ursache für die Krise und damit verbundenen Probleme. Dass es an anderen Orten viel schlechter aussieht, sollte niemanden dazu verleiten, eine Verschlechterung in Deutschland zu akzeptieren oder sich in Sicherheit zu wiegen.

A: Gut, an der Altersarmut und dem Einkommensunterschied ist sicherlich etwas dran. Dennoch ist Barbie ja mehr, als das blonde Püppchen, das sich nur schminkt. Barbie ist Ärztin, Anwältin und vieles mehr. Ist das nicht ein Vorbild für junge Mädchen?

B: Es ist nicht so, dass das Frauenbild, dass von Werbung und Medien geprägt wird, uns direkt in die 50er Jahre zurück katapultiert und alle Frauen wieder an den Herd zwängt. Durch die massenhafte Einbindung von Frauen in die Arbeitswelt wäre das schwer möglich. Durch den Reallohnverlust seit den 70er Jahren und steigende Lebenshaltungskosten, ist es immer notwendiger geworden, dass Frauen ebenfalls arbeiten gehen. Das alte Familienmodell mit der Frau im Haushalt und dem Mann als gut verdienendem Alleinversorger ist rein materiell nicht mehr tragbar geworden. Die Agenda 2010 hat das befördert und von 2000 bis 2010 einen Reallohnverlust von 4,5% in Deutschland gebracht.
Das Rollenbild der Frau ist heute viel komplexer. Es ist nicht nur die Hausarbeit, die zu erledigen ist. Frau soll dabei gut aussehen, durchtrainiert sein, gebildet und erfolgreich im Beruf. Eine Barbie mit den entsprechenden (wenn auch nicht natürlichen) Maßen, passt dort gut rein. Das sind Anforderungen, die von niemanden (von keinem Mann und keiner Frau) zu bewältigen wären. Dazu hört Barbie wahrscheinlich nicht die Vorwürfe, es sei egoistisch, den Beruf des Kinderkriegens vorzuziehen oder fechtet nicht den Kampf mit dem Wunsch nach Selbstverwirklichung aus, wenn Familie und Beruf unter einen Hut gebracht werden müssen.