Die „dritte Welle der Frauenbewegung“ und der Kampf gegen Frauenunterdrückung heute

Frauenunterdrückung gibt es auch im 21. Jahrhundert noch – und immer schon gab es Widerstand dagegen. Vor allem von Frauen, aber auch von Männern. Die Analysen und Forderungen dieser Widerständigen aber sind nicht abgehoben von Zeit und Raum, sondern stehen in Wechselbeziehung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen.

Von Sonja Grusch

Die erste Welle der Frauenbewegung  fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt. Obwohl das Frauenwahlrecht für viele im Zentrum stand, war sie alles andere als homogen und es kam bald zu einer Differenzierung in bürgerliche und proletarische Frauenbewegung. Diese erste Welle fand vor dem Hintergrund verschiedener bürgerlicher Revolutionen sowie der erstarkenden ArbeiterInnenbewegung statt.

Die zweite Welle der Frauenbewegung ist in den 1960er Jahren angesiedelt. Die als „autonome“ Frauenbewegung (nicht im Sinne von anarchistisch-autonom sondern unabhängig von den verschiedenen Parteien) bezeichnete Bewegung setzte Themen wie die sexuelle Befreiung von Frauen, Verhütung, Abtreibung, Sexismus und Gewalt gegen Frauen sowie die Rolle von Frauen in der Familie ins Zentrum. Diese zweite Welle fand vor dem Hintergrund der Bürgerrechtsbewegung sowie der 68er-Bewegung statt. Auch gab es koloniale Befreiungsbewegungen sowie die revolutionären Erhebungen in zum Beispiel Portugal.

Ab den 1990er Jahren spricht man von der dritten Welle der Frauenbewegung. Hierzu gehören Debatten bzw. Themen wie Gender, Intersektionalität, Identity Politics oder Definitionsmacht.

Die dominierenden Trends spiegeln jeweils das Bewusstsein und vor allem den Stand von Klassenkämpfen wieder. Ab den 1980er Jahren gab es eine Reihe von Niederlagen der Arbeiterbewegung und der Linken. Das hat auch zu einem insgesamt zurückgeworfenen Bewusstsein geführt. Auf der wirtschaftlichen Ebene hat sich das in der Offensive des Neoliberalismus ausgedrückt. Auf der ideologischen Ebene war der entsprechende Ausdruck unter anderem der „Post-Modernismus“. Der Begriff dient als Sammelbegriff für verschiedene Ansätze, denen unter anderem eine Ablehnung von Wahrheitsansprüchen verschiedener philosophischer oder politischer Richtungen gemeinsam ist. Diese, scheinbar kritische, Herangehensweise stieß aufgrund der negativen Erfahrungen mit der dogmatischen Darstellung des (eigentlich sehr flexiblen und undogmatischen) Marxismus durch diverse stalinistische bzw. maoistische Gruppen auf Unterstützung auch unter linken AktivistInnen. Reale gesellschaftliche Kämpfe und Widersprüche traten in der Analyse immer mehr in den Hintergrund. Mehr und mehr ging es um deren Erscheinung in gesellschaftlichen Diskursen. Gesellschaftliche Klassen, Klassenherrschaft und Frauenunterdrückung wurden zu Produkten von Diskursen. Die Arbeiterklasse wurde als revolutionäres Subjekt abgeschrieben – überhaupt wurde die Idee eines revolutionären Subjekts und die Möglichkeit revolutionärer gesellschaftlicher Veränderung angezweifelt. Aus der Skepsis gegenüber jeder Form von Gruppenbildung wuchs die Verlagerung gesellschaftlicher Probleme und Debatten auf die individuelle Ebene. Ohne es zu wollen gelangten viele solcher Ansätze schließlich in ideologische Gewässer, in denen der Neoliberalismus herrscht, der ebenfalls die Klassengesellschaft leugnet und das Individuum isoliert. Die Postmoderne führte zur Individualisierung und Beliebigkeit und lehnte „große Erzählungen“ ab – folgerichtig formulierte 1989 der neoliberale Francis Fukuyama seine Theorie vom „Ende der Geschichte“.

Das Scheitern der revolutionären Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren, die Verbürgerlichung der Sozialdemokratie und schließlich der Kollaps des Stalinismus bedeuteten eine neoliberale Offensive auf allen Ebenen: in der Wirtschaft wurde dereguliert und privatisiert, was das Zeug hielt – und ideologisch wurde verkündet, dass jedeR für sich selbst verantwortlich ist. „So etwas wie eine ‚Gesellschaft‘ gibt es nicht“, brachte Margaret Thatcher es auf den Punkt.

„Feminismus“ oder „Feministinnen“ oder „Gender Mainstreaming“ wurden in Folge der starken vergangenen Bewegungen zwar in Regierungsprogramme/Regierungen integriert – doch diese Maßnahmen blieben meist auf der formalen Ebene, während gleichzeitig auf der sozialen Ebene brutaler Neoliberalismus durchgedrückt wurde. Die Zahl der Parteivorsitzenden oder auch Regierungschefinnen stieg, während gleichzeitig (auch durch diese) Kürzungen umgesetzt wurden, die vor allem Frauen trafen.

Doch dieser gesellschaftliche Backlash konnte in Bezug auf Frauen nicht einfach alle Errungenschaften der Vergangenheit zunichte machen. Die Gesellschaft und insbesondere die Frauen selbst hatten sich verändert. Die reaktionäre Propaganda musste unterschwelliger werden. In den 1980er Jahren sahen sich Frauen daher mit der Behauptung konfrontiert, es wäre für Frauen über vierzig quasi unmöglich noch einen Mann „abzukriegen“ und man müsse sich daher sputen. Beliebt war es auch, Feministinnen mit dem Vorwurf der „Political Correctness“ Prüderie und Lustfeindlichkeit vorzuwerfen. Und Karrierefrauen wurden zwar nicht offen abgelehnt, doch wurde ein Bild gezeichnet, dass Mutterschaft doch letztlich weit erfüllender wäre. Der Film „Baby Boom“ mit Diane Keaton ist ein Beispiel für diese unterschwellige Propaganda.

Diese Propaganda passt zur Notwendigkeit des Kapitals, Frauen wieder verstärkt für Reproduktionsarbeit einzusetzen – also im Gesundheits- und Bildungswesen zu kürzen und diese Arbeit wieder unbezahlt in die Familie, also zu Frauen, zu verlagern. Neoliberale Offensive und konservativer Backlash gingen also miteinander Hand in Hand. Doch es wäre zu simpel, zu glauben, dass „das Kapital“, als einheitlicher Block, ausschließlich ein Interesse an einem reaktionären Frauenbild hat. Tatsächlich nützt Diskriminierung dem Kapital nicht nur – sie kann sich auch als unwirtschaftlich bzw. nicht profitabel herausstellen, wenn sie zum Beispiel Menschen davon abhält, als Arbeitskräfte zur Verfügung zu stehen. Es ist also kein Zufall, wenn in Österreich die Industrieellenvereinigung ausreichend Kinderbetreuungseinrichtungen fordert. Hier geht es natürlich nicht um Frauenrechte sondern darum, dass alle potentiellen Arbeitskräfte gleichermaßen zur Ausbeutung zur Verfügung stehen müssen. Unterschiedliche Fraktionen des Kapitals haben hier also unterschiedliche Interessen und Wertvorstellungen, die sie propagieren.

Alle(s) wird zur Ware

Im Kapitalismus wird alles zur Ware, und zwar nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch unsere Körper – und Frauenkörper ganz besonders. Bei Liberalen finden wir oft vermeintlich fortschrittliche Forderungen zu Frauen oder auch LGBTQ-Fragen, während es zu sozialen Fragen eine klare Positionierung auf Seiten der Kapitalinteressen gibt. Wenn hier von Gerechtigkeit gesprochen wird dann geht es nicht darum, die Ausbeutung abzuschaffen, sondern nur sicher zu stellen, dass sich unter den AusbeuterInnen Frauen, Schwarze, LGBTQ-Personen etc. befinden.

Das zeigt sich zum Beispiel auch im Umgang mit der Frage der Prostitution: Die Prostituierte wird nicht als besonders ausgebeutete Frau gesehen, die in Folge massiver Ausbeutung oft keine Wahl hat, sondern als freie Unternehmerin die ihre Tätigkeit selbstbestimmt ausführen soll. Widerstand gibt es daher von liberaler Seite auch nicht gegen Prostitution als solche, sondern bestenfalls gegen Zuhälterei die ja letztlich das freie Unternehmertum einschränkt.

Die diversen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die es in diesem Bereich gibt haben oft nicht primär die Aufgabe, Frauen beim Ausstieg zu helfen, sondern hauptsächlich, die Folgen dieses brutalen Geschäfts im Zaum zu halten. Die Tatsache, dass wohl die meisten der Beschäftigten und AktivistInnen in diesen NGOs bemüht, solidarisch und engagiert sind und gegen die Diskriminierung ihrer KlientInnen aufstehen, ändert nichts daran, dass die Zuteilung staatlicher Gelder auch der jeweiligen Interessenlage des Kapitals entspricht. Dem Kapital geht es vor allem darum, die Arbeiterklasse insgesamt gesund genug zu halten, um genügend Arbeitskräfte zur Verfügung zu halten. Darum wurden zum Beispiel von staatlicher Stelle in den 1980er Jahren große Mittel in die Aidshilfe gesteckt, als Aids als stark ansteckende und sich rasch verbreitende Krankheit gesehen wurde, die eingedämmt werden musste.

In seiner extremsten Form zeigt sich die Warenlogik im großen Markt der Leihmutterschaft. Natürlich ist es wichtig, das Recht von Frauen darauf, Kinder zu bekommen, zu verteidigen. Doch unter Bedingungen des Marktes werden die Körper armer (oft „nicht-weißer“) Frauen benutzt, um reichen (oft „weißen“) Frauen den Zugang zu einem biologisch „eigenen“ Kind zu ermöglichen. Die ganze Frage ist mit einem biologistischen und damit letztlich auch rassistischen Zugang verbunden.

Niedergang der Frauenbewegung folgt den Niederlagen der Arbeiterbewegung

Die Frauenbewegung ist in den 1980er Jahren zurück gegangen. Grund waren der konservative Backlash in Folge der Niederlagen der Arbeiterbewegung und des Zusammenbruchs des Stalinismus. Erschwerend kamen dabei die oft negativen Erfahrungen von Frauen mit linken Organisationen in den 1960er und 1970er Jahren hinzu. Hier gab es massiven Sexismus – Männer diskutierten darüber, wie sie die Revolution machen wollen und behandelten gleichzeitig „ihre“ Frauen oder auch die Frauen in ihren Organisationen von oben herab.

Ideologisch kreierten die diversen stalinistischen und insbesondere maoistischen Gruppen das – nicht bei Marx zu findende – Konzept eines Haupt- und Nebenwiderspruchs. Die Frauenfrage wurde zu einer Nebenfrage abgewertet, die sich dann später, im Sozialismus, lösen würde. Diese Erfahrungen stießen viele Frauen zu Recht ab. Der Postmodernismus schien auch hier eine Alternative zu sein. Es herrschte eine scheinbar größere Offenheit für Frauenthemen, die persönliche Betroffenheit wurde ernst genommen. Im Gegensatz zur „Verallgemeinerung“ des „Marxismus“ setzte der Postmodernismus subjektive, individuelle Beziehungen ins Zentrum. Die unmittelbare Betroffenheit wurde zum Thema und schien – endlich – ernst genommen zu werden. Doch wenn die Wahrnehmung von Unterdrückung eine individuelle ist, dann wird in Folge auch der Widerstand ein individueller. Solche Konzepte, die sich in den verschiedenen Trends im Feminismus der letzten Jahrzehnte widerspiegeln, sind für das Kapital jedoch weitgehend ungefährlich.

Aufdröseln bis zum letzten: Identity Politics

Eines dieser Konzepte ist Identity Politics. Der Begriff der Identität stammt aus dem Black Feminism der 1970er Jahre. Doch damals ging es um die soziale Identität armer schwarzer Frauen im Gegensatz zu jener der bürgerlichen, meist weißen Frauen. Bei der heutigen Identity Politics geht es um eine gänzlich individuelle Identität. Menschen werden anhand ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, ihrer Vorlieben und Fähigkeiten, sowie ihrer Herkunft in unterschiedliche Identitäten aufgesplittert. Die Unterschiede von Unterdrückten werden betont anstatt die Gemeinsamkeit, nämlich die Klassenzugehörigkeit – also die Möglichkeit weniger, vom eigenen Reichtum (bzw. dem der Familie) gut leben zu können, im Unterschied zur einzigen Möglichkeit der meisten, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um überleben zu können.

Identity Politics bewertet Menschen entlang dessen was sie „sind“, und nicht danach, was sie tun. So wird der Fokus verlagert. Nicht die Ursache von Unterdrückung ist hier Gegenstand der Analyse, sondern das Individuum wird isoliert von seiner Umgebung, seiner materiellen Grundlagen betrachtet.

Die Ursache von Unterdrückung wird im Individuum selbst (und zwar sowohl bei Opfer als auch bei TäterIn), in seiner/ihrer „Intoleranz“ oder seinen/ihren „Privilegien“ gesehen. Während es bei der zweiten Welle der Frauenbewegung um den kollektiven Kampf ging, verlagert die dritte Welle Kämpfe immer mehr auf die individuelle Ebene: Die Ursachen sind individuell (wegen eines „privilegierten“ Verhaltens von Individuen) – in Folgen sind auch die Empfindungen der unterdrückten Personen individuelle und als logische Konsequenz dieser Analyse müssen dann auch die Lösungen individuelle sein.

Der Ansatz half sicher, Frauen aus der auch als demütigend empfundenen Opferrolle heraus zu helfen („Ich bin nicht unterdrückt – du bist privilegiert“). Aber wenn das Individuum vor allem die eigenen „Privilegien“ checken soll dann kann die Konsequenz nur sein, dass sich Menschen zum Beispiel in den entwickelten kapitalistischen Staat oder eben auch Männer als „privilegiert“ schuldig fühlen sollen. Und wenn dann diesen „privilegierten“ das Recht und die Fähigkeit abgesprochen wird, Forderungen oder gar Strategien mit nicht-privilegierten mitentwickeln zu können, dann wird der Widerstand erschwert, weil die Unterschiede betont, die Gemeinsamkeiten ignoriert werden. Wenn nur über die „Privilegien“ der Männer diskutiert wird, wird ignoriert, dass die wirklichen und großen Privilegien jene der herrschenden Klasse sind.

Identity Politics haben einen Klassenstandpunkt – und zwar jenen des „linken“ bzw. gesellschaftspolitisch liberalen Neoliberalismus. Die negativen Folgen dieses in die herrschende Klasse integrierten „Feminismus“ zeigt sich gut in der Person von Alice Schwarzer – einst Vorkämpferin für Frauenrechte, heute auf der Seite der herrschenden Klasse, sogar des brutalen Imperialismus, unter dem Vorwand der Verteidigung von Frauenrechten gegen „den Islam“.

Rasch wurde allerdings klar, dass es nicht nur die eine, sondern in diesem Konzept viele Identitäten bei einer Person gibt, wenn das Sein im Zentrum steht – das Geschlecht, Gender, die Herkunft, die Fähigkeiten und Beeinträchtigungen, all das schafft in einer Person viele verschiedene Identitäten.

Das Konzept der Intersektionalität wurde entwickelt, um die verschiedenen Identitäten und die Überlagerung ihrer jeweiligen Unterdrückung zu analysieren. Das bedeutet jedoch, davon auszugehen, dass jede Form von Unterdrückung ihren eigenen, isolierten Ursprung hat. Homophobie, Antisemitismus, Sexismus usw. werden so als völlig voneinander getrennte Phänomene dargestellt, die erst zusammenkommen, wenn ihre „Achsen“ sich in einem Individuum, das von ihnen betroffen ist, kreuzen. Im Gegensatz dazu stellt die marxistische Analyse eine gemeinsame Substanz dieser Formen der Unterdrückung, nämlich die Klassengesellschaft als Gesamtes, voran. Intersektionale Analysen können also nur die Konsequenzen von Unterdrückung beschreiben, nicht jedoch ihren Ursprung.

All das hat Auswirkungen auf die Fähigkeit zum Widerstand gehabt. Doch der postmoderne Neoliberalismus konnte Widerstand nur verwirren, nicht verhindern. Seit dem Backlash der 1980er Jahre gibt es nicht nur die Anti-Globalisierungs- und Anti-Kriegsbewegung, sondern eben auch die dritte Welle der Frauenbewegung. Dazu können die Slut Walks und der Girlie-Kult, in dem Vorurteile bzw. Stereotype aufgegriffen und als (verbale) Waffe übernommen werden, gezählt werden.

Ein Element aktueller Auseinandersetzungen sind auch Kämpfe für sichere Räume. Die zweite Welle der Frauenbewegung hat zum Beispiel Frauenhäuser erkämpft und damit wichtige Schutzorte vor Gewalt geschaffen. Selbstverständlich braucht es Orte, Einrichtungen usw., wo Menschen, die ähnliche Unterdrückungserfahrungen gemacht haben, sich untereinander austauschen und bestärken können. In einer Klassengesellschaft wie dem Kapitalismus sind solche sicheren Räume jedoch äußerst begrenzt und kurzlebig. Kämpfe müssen deswegen auch in die ungeschützte und brutale Welt, wo wir mit Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Unterdrückung konfrontiert sind, getragen werden.

Definitionsmacht („Defma“)

Einen Zugang, der gesellschaftliche Zusammenhänge individualisiert, finden wir auch beim Konzept der Definitionsmacht. Aus dem berechtigten Wunsch heraus, den oft verharmlosenden oder relativierenden Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Frauen zu beenden, ist ein Konzept geschaffen worden, dass die Verantwortung in letzter Konsequenz an das Opfer überträgt.

Dass das Opfer bestimmt, wo seine Grenzen überschritten wurden und somit ein Übergriff stattgefunden hat, ist einleuchtend. Doch oft reicht diese Feststellung alleine nicht. Denn sie wirft beispielsweise die Frage auf, ob ein Übergriff, der vom Opfer nicht als solcher wahrgenommen wird, auch keiner ist. Ist eine Frau, für die es „normal“ ist, wenn sie vom Ehemann geschlagen oder zum Sex gezwungen wird, nicht das Opfer von sexualisierter Gewalt? Wenn die Definitionsmacht ausschließlich beim Opfer liegt, dann droht auch eine Verharmlosung von Gewalt. Unterschiedliche Formen von Übergriffen haben auf unterschiedliche Frauen unterschiedlich schwere Auswirkungen. Wenn nun im Konzept des „eye-rape“ sexistisches Gaffen mit Vergewaltigung auf eine Stufe gestellt wird, werden so die Erfahrungen von Frauen, die vergewaltigt wurden, ohne deren Zustimmung mit der Erfahrung, angegafft zu werden verglichen.

Auch bezüglich des Umgangs mit dem Täter wird die Verantwortung ans Opfer delegiert – für eine Auszubildende wird es in der Praxis schwer sein, sich gegen Übergriffe des Chefs zu wehren. Der Druck, den Übergriff nicht als solchen „zu empfinden“ und keine entsprechenden Konsequenzen zu fordern, steigt, wenn die Verantwortung auf das Opfer abgeschoben wird und solche Übergriffe zum Beispiel nicht von der Gewerkschaftsbewegung aufgegriffen werden.

Aus dem berechtigten Wunsch, die individuelle Betroffenheit ernst zu nehmen, kommt es zu einem Umgang, der letztendlich ineffektiv ist – weil weder die Ursachen, noch die Lösungen individuelle sind. Die Schwäche des Defma-Konzeptes ist die Isolierung der Fälle vom gesellschaftlichen Rahmen. Und das ist das Problem mit all diesen Zugängen, die sich – dem zurückgeworfenen Bewusstsein entsprechend – in der letzten Periode entwickelt haben. Sie haben keinen „Klassenstandpunkt“ – und haben damit aber letztlich doch einen. Sie bleiben im Rahmen der existierenden Ideologie verhaftet, die die Ursache für Frauenunterdrückung und Sexismus in den Individuen und nicht in der Existenz der Klassengesellschaft sucht.

Die vielen Widerstände zusammen bringen!

Dennoch sind all diese Ansätze ein realer Startpunkt für die Politisierung von vor allem jungen Frauen. Hunderttausende, die an Slutwalks und anderen Mobilisierungen teilgenommen haben, zeigen eine neue Generation von jungen Frauen, die auf die Barrikaden geht. Viele der Konzepte der letzten Jahre wurden ausgetestet – und es hat sich gezeigt, dass mehr Managerinnen oder Ministerinnen die Probleme von Frauen aus der Arbeiterklasse nicht lösen. Viele der aktuellen Klassenkämpfe finden in Bereichen mit einem hohen weiblichen Beschäftigtenanteil statt wie zum Beispiel im Gesundheitswesen. Frauen sind hier oft an der Spitze der AktivistInnen und es findet eine massive Politisierung statt, die weit über die oft akademisch bleibenden Konzepte der dritten Welle der Frauenbewegung hinausgeht. Die Tatsache, dass viele der Frauen, die jetzt aktiv werden „alte, weiße Männer“ wie Sanders oder Corbyn unterstützen, zeigt auch, dass sie verstanden haben, dass es nicht nur um persönliches Verhalten oder Identitäten, sondern um gesellschaftliche Zusammenhänge und soziale Fragen geht. Als SozialistInnen setzen wir bei der Wut über Sexismus an und ergänzen diese um eine Analyse der Ursachen von Frauenunterdrückung. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist zurückgeworfen, aber es gibt Organisationen, die die Debatten, Lehren und Erfahrungen zusammengefasst und „gerettet“ haben. Wir müssen daher nicht wieder bei Null anfangen, sondern können die besten Traditionen der bisherigen Frauenbewegungen mit dem Elan und der Wut der jetzigen Frauen verbinden.

Die Ausbeutung von Frauen, der Arbeiterklasse und der Menschen insgesamt kann beendet werden. Das werden wir erreichen, wenn wir das, was uns alle verbindet, nämlich dass wir Teil der Arbeiterklasse sind, als zentralen Punkt des Kampfes nehmen. Das bedeutet jedoch nicht, weitere Formen der Unterdrückung auszublenden. Die aus der Klassengesellschaft resultierenden Unterdrückungen entlang von Geschlecht, Ethnie etc. dürfen nicht als „Nebenwidersprüche“ abgetan, sondern müssen als zentrale Unterdrückungsformen des Kapitalismus ernst genommen werden. Gemeinsamer Klassenkampf wird nicht durch das Hintanstellen der Kämpfe von Frauen, Nicht-Heterosexuellen oder ethnischer Minderheiten erreicht. Diese Kämpfe dagegen müssen ebenfalls im hier und jetzt geführt werden und dürfen nicht auf eine sozialistische Zukunft verschoben werden. Nur so ist ein gemeinsamer, langfristig erfolgreicher Kampf der Arbeiterklasse überhaupt möglich.

Die Unterstützung für die Homo-Ehe war in Irland gerade in den Arbeitervierteln besonders stark. Dort sind auch die Kampagne für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und die Kampagne gegen die unsozialen Wassergebühren am stärksten. Die Frauenbewegung war auch historisch dort am erfolgreichsten, wo sie gemeinsam oder auch als Teil der Arbeiterbewegung aufgestanden ist. Wir sollten keinen Kampf darum führen, wer am meisten unterdrückt ist, sondern darüber, wie wir diese Unterdrückung überwinden können. Wir müssen die wütenden jungen Frauen dort abholen, wo sie stehen, wo ihre Politisierung beginnt, und sie von der Ursache der Unterdrückung überzeugen und sie für den gemeinsamen Kampf für eine sozialistische Zukunft gewinnen. Die Stärke der verschiedenen Konzepte der dritten Welle der Frauenbewegung liegt darin, dass sie die jeweilige Betroffenheit ernst nimmt und gelten lässt. Das ist ein guter Startpunkt, bei dem man aber nicht stehen bleiben kann, wenn man Antworten und Lösungen anbieten will, damit Frauenunterdrückung bekämpft und abgeschafft wird. Dazu braucht es ein Verständnis der Ursachen, die in der Klassengesellschaft zu suchen sind – und ein Konzept zum Widerstand, das alle Opfer dieser Klassengesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit und ihren Gemeinsamkeiten zusammenführt.
Sonja Grusch ist Bundessprecherin der Sozialistischen LinksPartei (SLP) in Österreich und langjährige Aktivistin der dortigen Frauenbewegung.