Zum Geburtstag von Angela Davis, heute 73

von Katharina Doll, Hamburg

Klar – vielleicht haben sich ihre Positionen nicht nur zum Besseren entwickelt. Ihren Statements zur revolutionären Bedeutung des Veganismus, ihrer Haltung zu Hillary Clinton und ihrem neuen Buch „Freedom is a constant struggle“ fehlt viel Schärfe, die sie in ihrer Zeit als junge Kämpferin hatte.

Trotzdem: Angela Davis war eine der klügsten und militantesten Revolutionärinnen des 20. Jahrhunderts. Gerade in Zeiten, wo die Geschichte von kämpfenden Frauen der Arbeiterklasse meist ungeschrieben bleibt, in denen der gesellschaftliche Rollback nur so wütet und sich parallel dazu mit massenhaften Frauenbewegungen international riesige Chancen auftun, können wir viel von ihr lernen!

Einiges, was AktivistInnen in der letzten Zeit bewegt hat, erinnert an das, wogegen Angela Davis ihr Leben lang gekämpft hat. Zwei Beispiele:

In der „Kölner Silvesternacht“ 2015 kommt es aus migrantischen Gruppen zu Übergriffen auf Frauen. Wenig später ist der Kölner Hauptbahnhof voll von Plakaten mit namenlosen schwarzen Gesichtern, nach denen gefahndet wird. Heiko Maas erlässt ein Gesetz, das die Rechte von Frauen bei Vergewaltigungsprozessen stärkt, aber im gleichen Atemzug werden das Aufenthaltsrecht verschärft und Gruppenabschiebungen erleichtert. Eine Stimmung macht sich breit: wenn hier jemand vergewaltigt, dann nicht der deutsche Onkel, sondern irgendwas in der Kategorie „schwarzer Salafisten-Nafri“. Nichts könnte plastischer an die Zeilen erinnern, die Angela Davis 1981 in „Women Race Class“ über den Mythos des schwarzen Vergewaltigers geschrieben hat:

„Während Vergewaltiger selten vor Gericht kommen, wurde die Verurteilung wegen Vergewaltigung wahllos gegen den schwarzen Mann gerichtet, gegen den Schuldigen genauso wie den Unschuldigen. Von den 455 Männern, die zwischen 1930 und 1967 wegen Vergewaltigung exekutiert wurden, waren 405 Schwarze.“ Angela Davis: Women Race Class

Seit der kaltblütigen Ermordung von Michael Brown kommt es in den USA immer wieder zu massenhaften Protesten gegen die regelmäßige Ermordung von Schwarzen durch die Polizei. Black Lives Matter ist heute eine der aktuell einflussreichsten Massenbewegungen in den USA. Massenhaft Menschen sind unter dem Namen auf der Straße, um sich gegen die alltägliche rassistische Gewalt und Demütigung zu wehren.

Es war ihr Kampf gegen Klassen- und Rassenjustiz, wie man sie heute oft auch in deutschen Gerichtsverfahren gegen Geflüchtete und Migranten erleben kann, der Angela Davis international berühmt gemacht hat. Nachdem es im Zuge ihrer Solidaritätsarbeit mit geknasteten Mitgliedern der Black Panther Party zu einer Schießerei im Gerichtssaal kam, kam sie auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA. Gleichzeitig wurde sie zu einer Ikone der Schwarzenbewegung. Wie von so vielen anderen in der Bewegung machte sie auch ihr Kampf ums einfache Überleben zum Staatsfeind der US-amerikanischen Regierung.

Dieser Kampf zieht sich durch ihr komplettes Werk. Schon ihr erstes bekannteres Buch, „If they come in the morning“, ist den Gefallenen der schwarzen Befreiungsbewegung gewidmet und beschäftigt sich mit der rassistischen Rolle des US-amerikanischen Knastsystems. Auch mit „Are Prisons Obsolete?“ (2003) hat sie einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen das kapitalistische Knastsystem geleistet. Darin analysiert sie die enorme Zunahme von Gefängnissen und Strafen mit Freiheitsentzug seit den 1980er Jahren und setzt die Entwicklung des Gefängniskomplex in Zusammenhang mit der des kapitalistischen Systems.

Auch in Deutschland entwickelten sich Gefängniskomplexe parallel zum Aufkommen des Kapitalismus, und auch hier hat es eine Welle von Privatisierungen im Knastsystem gegeben. Gerade auch durch Übergriffe in privatisierten Jugendanstalten, wie bei der Hamburger Haasenburg GmbH (offiziell ein „Jugendheim“), kam das Thema in den letzten Jahren in die Medien. Auch hier ist jeder dritte Häftling Migrant. In den mächtigsten Ländern der Welt kommen die, die in der Waffenlobby sitzen, die Kriege führen und Menschen verhungern lassen in die Regierungen und Chefetagen. Die, die mit Hanf dealen oder klauen, weil es sonst für ein lebenswertes Leben nicht reicht, kommen hinter Gitter. Auch deswegen bleibt es hochaktuell, gegen Klassen- und Rassenjustiz zu kämpfen.

Aber Rassismus und Gefängnisse sind nicht die einzigen Themen, mit denen sich Angela Davis beschäftigt hat. Ihr bestes Buch „Women Race Class“ ist eine Klassenanalyse der Rolle schwarzer Frauen in der Geschichte der USA – von den Kämpfen gegen die Sklaverei, über den Kampf für das Wahlrecht von proletarischen, schwarzen Frauen, hin zur Gewerkschaftsarbeit und dem Aufbau sozialistischer und kommunistischer Gruppen durch Aktivistinnen wie Lucy Parsons, Mary „Mother“ Jones oder Elizabeth Gurley Flynn. Dieses Buch ist auch deswegen von großer Bedeutung, weil Frauen gerade auch in der schwarzen Befreiungsbewegung der USA genauso wie der Arbeiterbewegung international immer schon eine enorme Rolle gespielt haben, wir aber wenn Geschichte geschrieben wird meist zu denen gehören, die vergessen werden.

Auch wenn der Kampf gegen strukturelle rassistische und patriarchale Unterdrückung in Angela Davis Leben ohne Zweifel eine große Rolle spielt, war sie immer zuallererst eine Kämpferin ihrer Klasse. Das Ziel ihrer Arbeit war nie, die Interessen von Frauen gegen Männer oder die von Schwarzen gegen Weiße auszuspielen, sondern immer die Einheit im kollektiven Kampf.

Das ist nicht nur ihr Verdienst, sondern einer, der auch Gruppen wie den Black Panthers zuzurechnen ist. Denn die revolutionäre Rolle vieler schwarzer Aktivistinnen und Aktivisten zu der Zeit bestand ja gerade darin, dass sie sich von Ideen eines schwarzen Nationalismus oder einem isolierten Kampf gegen Weiße abwendeten. Gerade die Black Panther waren Klassenkämpfer, aber nie schematische Kopfmarxisten, sondern haben ihre Taktik flexibel an die Lebensbedingungen ihrer Leute angepasst. Sie organisierten viele Schwarze mit lumpenproletarischem Hintergrund und waren in den Vierteln viel mit Kampagnen gegen rassistische Inhaftierungen oder mit Gesundheits- und Essensprogrammen präsent. Aber ihr Kampf um die Versorgung und das alltägliche Überleben war nie reine Wohltätigkeit, sondern sie richteten ihn immer wie eine Waffe als Anklage gegen die Versäumnisse und Ignoranz der Regierung.

„Marx and Lenin would probably turn over in their graves if they could see lumpen proletarian Afro-Americans putting together the ideology of the Black Panther Party. Both Marx and Lenin used to say that the lumpen proletariat wouldn’t do anything for the revolution. But today, in a modern, highly technological society, with its CIA, FBI, electronic surveillance, and cops armed and equipped for overkill, here are black Americans demanding our constitutional rights, and demanding that our basic desires and needs be fulfilled, thus becoming the vanguard of a revolution, despite all attempts to totally wipe us out. We’re not the vanguard because we wanted to be, but because it was given to us through the blood and death of our members, and because nearly 100 of us are political prisoners at present.” Bobby Seale: Seize the time

Auch der Kampf der Frauen in der Schwarzenbewegung war immer ein Kampf gegen Unterdrückung und um größtmögliche Einheit. In vielen Dokumenten ist zu lesen, dass sich die Frauen der Black Panther entschlossen gegen Chauvinismus und Sexismus in den eigenen Reihen richteten. Eine Frau zu demütigen verstanden sie als bürgerliche und chauvinistische Handlung. Gleichzeitig wehrten sie sich gegen die Idee einer eigenen, von den Black Panthern abgetrennten Frauenorganisation. Nichts lag ihnen ferner als ein bürgerlicher Feminismus, der den Kampf von Mann gegen Frau über die Einheit gegen die herrschende Klasse stellt. So sagten einige „Black Panther Sisters“ 1969 in einem Interview:

„If women’s liberation is going to exist, it should exist with the goal in mind to channel the energies they liberate into a united liberation of the men and women ’together–not as a bourgeois cult, because this has happened many times. They’ve become extremist organizations of female superiority and have totally forgotten about the people’s struggles and oppressed people and have, themselves become oppressors.” Black Panther Sisters talk about Womens’ liberation

In dieser Tradition steht auch die Haltung von Angela Davis. Ihren Kampf gegen rassistischen und patriarchalen Chauvinismus müssen wir weiterführen, wenn wir die Ketten der kapitalistischen Klassengesellschaft gemeinsam zerreissen wollen. Ohne einen Kapitalismus, der davon profitiert, dass es durch rassistische und sexistische Spaltung ein Heer von schlechtergestellten Niedriglöhnern gibt und dass Sexismus und Rassismus uns vom gemeinsamen Kampf ablenken, während ein paar wenige da oben immer reicher werden, würde es Rassismus und Patriarchat nicht mehr geben.

Antisexismus, Antirassismus und Arbeiterbewegung waren immer ein Kampf, gespalten wo es ging durch die herrschende Klasse. Aber nur gemeinsam können wir gewinnen – und deswegen lohnt es sich, nicht nur von Marx und Lenin, sondern auch aus den Büchern von Angela Davis zu lernen.

Lesetipps:

Angela Davis: Are prisons obsolete

Angela Davis: Women Race Class (Rassismus und Sexismus: Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA)

Black Panther Sisters talk about Womens‘ liberation: https://www.marxists.org/history/erol/periodicals/red-papers/red-papers-3/doc8.htm

Kapitalismus und Knäste, lies: http://thesocialist.org.au/prison-system-no-solution-social-woes/ oder https://www.socialistalternative.org/sound-fury-oppressed/introduction/