And ain’t I a woman? Zu Django Unchained und der Stellung von Frauen in der US-amerikanischen Sklavengesellschaft

„When the true history of the anti-slavery cause shall be written, women will occupy a large space in its pages; for the cause of the slave has been peculiarly women’s cause.“ – Frederick Douglass 

 Der Artikel zum Download: and ain’t i a woman

 

Die „Versklavung“ der Frau

„Die Sozialisten müssen vor allem wissen, dass auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht“ sagte Clara Zetkin gleich zu Anfang ihrer Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris 1889. „Die moderne Familie ist gegründet auf die offne oder verhüllte Haussklaverei der Frau“ schrieb Engels 1884 in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. Das Wort familia kommt aus dem Römischen und beschreibt die Gesamtheit aller einem Mann zugehörigen Haussklav*Innen.

Immer wieder wird der Vergleich gezogen zwischen der modernen Ehe und der „Versklavung“ der Frau. Auf den ersten Blick scheint er gar nicht so falsch. Frauen arbeiten durchschnittlich deutlich mehr unbezahlt als Männer (in Deutschland etwa 13 Wochenstunden mehr Hausarbeit), vor allem dann, wenn sie einen Ehemann oder Freund haben dem sie hinterher putzen und den sie bekochen sollen. Auch auf Grund ihrer spürbar mieseren Jobaussichten leben Frauen oft in ökonomischer Abhängigkeit von „ihren“ Männern und es ist für sie deutlich schwerer, davon loszukommen. Gleichzeitig zeigt ein näherer Blick auf das System Sklaverei, dass dieser Begriff nur passt, wenn man ihn generell mit Unterdrückung, Abhängigkeit und einem absichtlich lückenhaften Entlohnungssystem assoziiert, nicht aber mit dem angedeuteten historischen Bezug.

Geschlechterrollen in Django Unchained

Ich habe Interesse für dieses Thema entwickelt, weil ich diesen Winter mit Freunden „Django Unchained“ im Kino gesehen habe und mich die Darstellung der weiblichen Hauptfigur Broomhilda stutzig gemacht hat. Quentin Tarantino fuhr mal wieder die Strategie, sich selbst und seinem Film durch Skandalisierung Bedeutung verleihen zu wollen, und machte einige strittige Aussagen zum historischen Hintergrund von Django Unchained. Er verglich die Sklaverei in den USA mit dem Holocaust und meinte, die von ihm dargestellte „Candyland-Plantage“ sollte an Nazi-Deutschland erinnern um diesen Vergleich zu untermauern. Wörtlich sagte er bei einem Interview mit dem Spiegel „sie sollte wie eine Art Ausschwitz für Schwarze wirken“, was die Frage aufwirft, ob denn Sklaverei nicht auch ohne einen weithergeholten Ausschwitz-Vergleich abschreckend genug dargestellt werden kann. Letztendlich wurde die Diskussion um den politischen Inhalt und Anspruch des Films dann von den Medien erwartungsgemäß breitgetreten. Während der Realismusgehalt der Ereignisse um Django in Frage gestellt wurde (macht es Sinn bei Tarantino um Authentizität zu streiten?), gibt es natürlich einige andere Verklärungen, die dargestellt aber medial fast gar nicht diskutiert wurden. Mal wieder betrifft das gerade die Darstellung von Frauenrollen.

Die zentrale Frauenfigur in Django Unchained ist seine Frau Broomhilda, Haussklavin des Sklavenbesitzers Candie, die Django befreien möchte. Während Django sich im Film wie durch Zufall und mit Leichtigkeit vom unterdrückten Sklaven zum coolen Westernheld entwickelt, gönnt Tarantino Broomhilda dieses Schicksal nicht. Broomhilda ist den Film über meist verängstigt oder in einer Defensivhaltung. Sie wird gefoltert, gequält und scheitert am Versuch zu fliehen selbst dann, als Candie bereits getötet wurde. Als sie Django das erste Mal auf ihrer neuen Plantage sieht, fällt sie in Ohnmacht und hofft von da ab auf ihre Rettung durch ihn, welche er am Ende heldenhaft vollbringt. Gerade gegen Ende wird die Inszenierung dieser Rettung relativ albern. Verzerrt scheinen die Ereignisse, wenn man sich mit einigen Fakten zur Situation versklavter Frauen in den USA kurz vor dem Bürgerkrieg beschäftigt.

Wie war’s denn wirklich?

Das Modell des Mannes als Brotgewinner und der Frau als Hausfrau war in den weißen Familien der USA um 1858 tendenziell zunehmend vertreten. Die Realität versklavter Frauen und Männer unterschied sich davon aber erwartungsgemäß und war auch anders als in Django Unchained dargestellt, wo viele der Sklavinnen die „typisch weiblichen“ Aufgaben im Hause Candies übernehmen. Im Buch „The Peculiar Institution“ beschrieb der Historiker Kenneth Milton Stampp, dass sieben von acht Sklav*Innen auf dem Feld gearbeitet haben. Ein erheblicher Teil der Sklavinnen musste in Zuckerraffinerien oder im Bergbau harte Arbeit leisten. Ihre Arbeitsleistung war für die Klasse der Sklav*Innen und ihrer Ausbeuter wirtschaftlich genauso notwendig wie die der Männer, von ihren Besitzern wurde ihre Arbeitskraft als der des Mannes gleichwertig eingestuft. Auch innerhalb beizeiten bestehender Sklavenfamilien übernahmen Sklavinnen nicht, wie oft angenommen, „typisch weibliche“ Funktionen. Vielmehr war es auf Grund der Notwendigkeit, alle übrigen Kraftressourcen in die interne Organisation des Sklavenlebens zu stecken, selbstverständlich, dass Männer wie Frauen häusliche Verantwortung übernahmen und diese untereinander aufteilten. All das macht es unmöglich, das Modell der weißen Familie in den USA auf die Sklavengesellschaft zu übertragen.

Allein auf Grund ihrer ökonomischen Position konnten versklavte Frauen nicht als das „schwache Geschlecht“ oder „Hausfrauen“ dargestellt werden. Ganz im Gegenteil: Es gibt sogar eine Diskussion darüber, inwieweit die Sklavengesellschaft in den USA als matriarchal bezeichnet werden kann. Da der „Bestand“ von Sklav*Innen unter einem Besitzer durchaus wechselte, war Monogamie in der Sklavengesellschaft seltener die Regel und auch weniger streng durchgesetzt als in den wohlhabenderen weißen Familien der USA. Auch gab es keine Besitztümer, zu deren Weitervererbung die monogame Beziehung notwendig gewesen wäre. Die folglich oftmals auftretenden „lockereren“ Familienbündnisse hatten zur Folge, dass Sklavenbesitzer die Stammbäume ihrer Sklav*Innen um die Linie der Mutter gruppierten und oftmals die Namen der Väter ganz herausließen. Das sind natürlich nicht die einzigen Merkmale, welche eine matriarchale Gesellschaft ausmachen. Unabhängig davon ist jedoch relativ eindeutig, dass die Voraussetzungen für einen patriarchal geprägten Familienaufbau in der Sklavengesellschaft nicht gegeben waren. Was Engels in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ über das Proletariat schreibt (in diesem Zusammenhang ist die Aussage durchaus gewissermaßen strittig), scheint bei der Sklavengesellschaft doch einleuchtend: „Hier fehlt alles Eigentum, zu dessen Bewahrung und Vererbung ja gerade die Monogamie und die Männerherrschaft geschaffen wurden, und hier fehlt damit auch jeder Antrieb, die Männerherrschaft geltend zu machen.“, denn „die Herrschaft des Mannes, mit dem ausdrücklichen Zweck der Erzeugung von Kindern mit unbestrittener Vaterschaft wird erfordert, weil diese Kinder dereinst als Leibeserben in das väterliche Vermögen eintreten sollen.“. Die Frage im Zusammenhang mit dem Sklavenleben ist dann natürlich: welches Vermögen? Diese Überlegungen sind natürlich ein Dorn im Auge derer, die das Familienmodell der Hausfrau und des männlichen Brotgewinners als „natürlich“ und „immer schon dagewesen“ darstellen wollen.

Man kann in Bezug auf die Stellung versklavter Frauen wie in den letzten Absätzen angeschnitten nicht wirklich von „Vorteilen“ sprechen, da sie ja nichts mehr war, als die Abschwächung sexistischer Unterdrückung durch die männlichen Sklaven (nicht aber Sklavenbesitzer!) in den Ketten der für alle Sklav*Innen zutiefst unterdrückerischen Sklaverei. Auch muss gesagt werden, dass Sklavinnen unabhängig von ihrer Stellung in der Sklavengesellschaft auf eine weitere Art ausgebeutet wurden, welche männlichen Sklaven erspart bleib. Doch, wie Angela Y. Davis in „Women Race & Class“ beschreibt, war auch die Vergewaltigung von Sklavinnen durch ihre Besitzer oftmals ein Ausdruck seiner ökonomischen Herrschaft und totalen Kontrolle und wurde oft zur Bestrafung von Fehlverhalten oder „Faulheit“ bei der Arbeit genutzt. Dass sexualisierte Gewalt bewusst als Form der Disziplinierung und Unterwerfung genutzt wird, kommt häufiger vor. Besonders in militärischen Auseinandersetzungen wird dieses Mittel zur Einschüchterung und Unterdrückung der „gegnerischen“ Bevölkerung genutzt. So gibt es Berichte davon, dass GIs der USA im Vietnamkrieg sehr unverhüllt angewiesen wurden, vietnamesische Frauen und Mädchen zu suchen und zu vergewaltigen, dass diese Vergewaltigungen also bewusst von den Befehlshabern angeordnet und zur Unterdrückung vor allem der weiblichen Bevölkerung genutzt wurden.

Frauen im Widerstand gegen die Sklaverei

Ein wichtiger Punkt, der in Bezug auf Frauenrollen in der Sklavengesellschaft angeführt werden muss, ist ihre Bedeutung im Widerstand gegen jene. Es gibt etliche Beispiele dafür, wie Frauen bei Sabotageakten gegen ihre Unterdrücker, beim Versuch sich und anderen heimlich selbst Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben beizubringen, bei kollektiven Fluchtversuchen und bei der Bekämpfung der Sklaverei und ihrer Auswirkungen im Norden und Süden der USA die Führung im Widerstand gegen sie übernommen haben. Eins der bekannteren Beispiele ist das von Ann Wood, einer jungen Frau, die einen Zug bewaffneter Sklav*Innen am Weihnachtsabend 1855 auf der Flucht aus Virginia in den Norden anführte, wobei sie Berichten zufolge in eine Schießerei mit den Sklavenfängern verwickelt wurde. Eine andere interessante Geschichte ist die von Harriet Tubman, Aktivistin und bekannteste Fluchthelferin der Gruppe Underground Railroad, die auch später Truppen im US-amerikanischen Bürgerkrieg angeführt hat. Beschäftigt man sich näher mit dem Thema (oder auch mit den unten aufgelisteten Literaturtipps 😉 ), so stößt man auf unzählige weitere interessante Beispiele.

Obwohl ich in meiner Aufzählung das Engagement der Abolitionistinnen in die Aktivitäten zur Bekämpfung der Sklaverei einbeziehen will, ist es an dieser Stelle wichtig, weiter zu differenzieren. Ohne näher darauf einzugehen will ich darauf hinweisen, dass ein Teil der Abolitionisten-Bewegung, welcher primär für Frauenrechte kämpfte und sich vor allem aus strategischen Gründen mit dem Ziel der Abschaffung der Sklaverei solidarisierte, später eine große Rolle beim Aufbau der US-amerikanischen Suffragettenbewegung spielte. Diese nahm vor allem beeinflusst durch die demokratische Partei später deutlich rassistische Züge an. So versuchte beispielsweise der Demokrat George Francis Train mit dem Slogan „Woman first and Negro last“ die beiden Bewegungen zu spalten und auf der Seite der Frauenrechtler*Innen Stimmen für seine Partei abzugreifen. Leider übernahmen sowohl sehr bekannte Feministinnen wie Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony als auch ein großer Teil der gesamten Bewegung diese Argumentationsweise (andere Teile wehrten sich auch dagegen), obwohl sie zuvor auf Seiten der Abolitionist*Innen gekämpft hatten, mit dieser Taktik aber im Hinblick auf ihre eigentlichen Ziele gescheitert waren. Natürlich gab es auch Feministinnen, die sich auch dann noch gegen solche rassistischen Tendenzen wehrten, so zum Beispiel Sojourner Truth oder Ida B. Wells.

Was tun?

Natürlich ist es wichtig, konkrete Frauenrechte zu erkämpfen, Angriffe auf sie öffentlich und privat nicht zu dulden, die Debatte darum zu politisieren und ihre Bedeutung nicht aus den Augen zu verlieren. Die Suffragettenbewegung war für die Entwicklung feministischer Ziele wichtig. Sie setzte die Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen auf die politische Tagesordnung. Doch nicht sie allein erreichte dieses Ziel und nicht der Kampf um Frauenrechte allein ermöglicht ihre Durchsetzung. Während des Bürgerkrieges in den USA arbeiteten mehr weiße Frauen als je zuvor außerhalb ihres Zuhauses, die meisten von ihnen waren als Näherinnen beschäftigt. Ihre Bedeutung für die Wirtschaft und die Rolle, welche Frauen aus der Textilbranche in Streikbewegungen schon früher gespielt hatten (ein Beispiel sind die Streiks der Lowell Mill Girls 1834 und -36) war ein Grund dafür, dass bei der Gründung der National Labour Union 1866 ihre Bedeutung für die Arbeiterklasse und ihre Forderung nach Gleichstellung vor allem bezüglich der Löhne von den männlichen Gewerkschaftern akzeptiert wurde. Auf dem Gründungstreffen der Colored National Labor Union 1869 waren Frauen eingeladen mit der Begründung, man wolle nicht denselben Fehler machen wie die weißen Mitbürger und die Frauen von solchen Treffen ausschließen. Auch war es innerhalb der Bewegung, welche sich um das Ziel der Black Liberation gruppierte üblicher, dass Männer den Befreiungskampf der Frauen aktiv unterstützten.

Während es bei Proletarierinnen ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Arbeiterbewegung zur Durchsetzung ihrer Ziele gab, wurde dieses vom größten Teil der bürgerlichen Frauenbewegung mehr oder minder bewusst bekämpft. Das vom Demokraten George Francis Train finanzierte Blatt Revolution druckte einen Artikel ab, in dem Susan B. Anthony die Meinung vertrat, der größte Feind des Wahlrechts für die Frau sei der männliche Teil der Arbeiterklasse. Auch wenn sich Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton den Erfolgen der Arbeiterbewegung im Bezug auf die Frauenfrage nicht ganz verschließen konnten und diese punktuell auch unterstützten, so gaben sie zum Beispiel Büros der Zeitschrift Revolution für organisatorische Treffen der Working Women’s Association frei. Sie taten dies aber nicht aus einem Bewusstsein für Einheit und Solidarität, sondern weil sie bemerkten, dass sie am weiblichen Teil der Arbeiterbewegung nicht mehr vorbeikamen. Spätere Ereignisse zeigten anschaulich, wie falsch ihre allgemeine Analyse der Arbeiterbewegung war, zumal die Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen erst dann die Massen erreichte, als relevante Arbeitskämpfe wie der „Aufstand der 20.000“ in der New Yorker Textilindustrie im Winter 1909 konkret politische Mitbestimmung für Frauen einforderten und das Stimmrecht für Frauen als eine Waffe im Klassenkampf wahrgenommen wurde. Dieser Zusammenhang stellte sich nach Einführung des Wahlrechts für Frauen, welches ein großer Teil der Suffragettenbewegung als ein Hauptziel auf dem Weg zur Emanzipation der Frau ansah, als deutlich problematischer heraus. Es gibt einige Berichte, dass schwarzen Frauen die Annahme ihrer Stimmzettel schlichtweg verweigert wurde.

Ein letzter bedeutender Punkt bezüglich der politischen Bewegung von (schwarzen) Frauen nach dem Bürgerkrieg ist der zunehmende Einfluss sozialistischer und kommunistischer Gruppen in den USA, beginnend mit der Gründung der ersten „marxistischen“ Organisation der USA 1852, der Proletarian League. Auch wenn Frauen in dieser Bewegung zu Anfang eher unterrepräsentiert waren, so fanden sich in der Socialist Party und vor allem etwas später in der Communist Party und der Organisation International Workers of the World einige sehr aktive Kämpferinnen. In „Women Race & Class“ zeichnet Angela Davis einige ihrer Biographien nach. Sie alle verstanden den Kampf gegen Rassismus als einen Teil ihres Kampfes als unterdrückte Klasse und die meisten von ihnen sahen Rassismus und Sexismus als Spaltungsmechanismen, die verschiedene Teile der Arbeiter*Innen bewusst gegeneinander ausspielen sollten. Während Susan B. Anthony noch erklärt hatte, Frauen sollten dann als Streikbrecherinnen arbeiten, wenn es der Sache der Emanzipation förderlich sei, lehnten die kommunistischen Kämpferinnen diese Strategie ab und erklärten Solidarität zur stärksten, gemeinsamen Waffe.

 

Super Literatur zum Thema:

Angela Davis: Women, Race & Class

Sojourner Truth: Ain’t I a woman? (schaut auf Wiki!)

Toni Morrison: Beloved (Roman zum Fall der vom „Bundesgesetz über flüchtige Sklaven“ betroffenen „Kindsmörderin“ Margaret Garner)

Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats